Politik kann manchmal herrlich unterhaltsam sein. Das ist nicht nur Deutschland vorbehalten. Jahrzehntelang erklärte man uns Türken, die Türkei müsse sich aus regionalen Konflikten heraushalten. Der bekannteste Leitspruch der modernen Türkei bedeutet ja übersetzt „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“. Es stammt von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der Türkischen Republik und wurde 1931 geäußert.
Der Hauptgrund für diesen Leitspruch war der extreme Erschöpfungszustand des Landes nach jahrzehntelangen, verheerenden Kriegen. Um die 1923 neu gegründete Republik Türkei zu modernisieren, brauchte das Land dringend eine lange Phase innerer Stabilität und absoluten außenpolitischen Frieden. Atatürk erkannte, dass jegliche Kriegsabenteuer oder expansionistische Ideologien (wie der Versuch, alte osmanische Gebiete zurückzuerobern) die Existenz des jungen, verarmten Staates gefährden würden. Das bedeutet jedoch auch, dass Atatürk, wenn die Konstellation eine andere gewesen wäre, diesen Satz vielleicht nicht geäußert und Gebiete wieder zurückerobert hätte.
„Was haben wir in Libyen verloren?“, fragte damals Kemal Kılıçdaroğlu noch, als er von der gesamten CHP und den Koalitionspartnern noch angehimmelt und gegen Recep Tayyip Erdoğan als Gegenkandidat nominiert wurde, weil die Regierung sich immer weiter aus dem Fenster in die Welt hinauslehnte. Die neue Geopolitik von Erdoğan, die Ausweitung der Einflusssphäre, die Durchsetzung von nationalen Interessen im Nahen Osten oder Nordafrika, war für die CHP ein verdächtiger Begriff und jede Erwähnung osmanischer Geschichte ein Beweis für „Neoosmanismus“.
Dann kommt der große Knall in der CHP
Und plötzlich steht derselbe Kılıçdaroğlu vor Mikrofonen und spricht über die strategische Bedeutung der Straße von Hormus. Über die Rolle der Türkei im Nahen Osten. Über die türkischen Republiken in der ehemaligen UDSSR. Über staatliche Interessen. Über die Notwendigkeit, in der eigenen Geografie präsent zu sein. Ja sogar über die historische Tiefe des ehemaligen Osmanischen Raums.
Kurz gesagt: Hätte man diese Rede vor fünf Jahren anonym veröffentlicht, hätten zahlreiche CHP-Anhänger sie wahrscheinlich Erdoğan oder Hakan Fidan zugeschrieben. Die gegenwärtigen Reaktionen sind entsprechend amüsant.
Dieselben Kreise innerhalb der CHP, die jahrzehntelang jede Kritik an NATO, USA oder westlicher Einflussnahme als Verschwörungstheorie abtaten, entdecken plötzlich den Imperialismus in ihr. Diejenigen, die jede geopolitische Argumentation als Nationalismus verspotteten, warnen nun vor einer internationalen Operation gegen die CHP und vor allem gegen das Land. Und dieselben Menschen, die jede Rede über nationale Interessen als rückwärtsgewandte Rhetorik bezeichneten, sehen plötzlich den türkischen Nationalstaat bedroht.
Was ist eigentlich passiert? Hat sich Kılıçdaroğlu verändert oder kommen die Interessen Özgür Özel allmählich zum Vorschein? Besonders kurios wird es bei der NATO-Frage.
Jahrelang galt in Teilen des CHP-Umfelds praktisch jede NATO-Position als verdächtig, vor allem im liberalen und linken Flügel der Partei. Heute erklären dieselben Stimmen, NATO-Mitgliedschaft sei selbstverständlich mit Nationalinteressen vereinbar und die Türkei müsse ihre geopolitische Stellung unter diesen Rahmenbedingungen verteidigen. Özgür Özel stellte sich erst kürzlich als Garant des Schwarzen Meeres vor, um sich in Europa gefällig zu zeigen.
Ach wirklich? Willkommen in der türkischen Politik, in der sich die Opposition je nach Windrichtung richtet!
Jetzt wird wieder die Diskussion über ausländische Einflussnahme angestoßen
Pardon aber, wenn Erdoğan von äußeren Kräften sprach, war das angeblich paranoide Rhetorik. Wenn heute CHP-nahe Kommentatoren auf Seiten von Özgür Özel behaupten, internationale Akteure würden die Partei und das Land umformen wollen, dann handelt es sich plötzlich um eine ernstzunehmende geopolitische Analyse? Was denn jetzt? Der Unterschied besteht offenbar weniger im Inhalt als im Sprecher und dem Auftraggeber selbst. Die eigentliche Tragikomödie ist jedoch eine andere:
Seit Jahren wird die türkische Gesellschaft in zwei Lager aufgeteilt. Hier die aufgeklärten Demokraten. Dort die irrationalen Parteisoldaten. Hier die kritischen Bürger. Dort die blinden Anhänger. Und nun stehen vor dem CHP-Hauptquartier Menschen, die sich gegenseitig „Verräter“, „Betrüger“ und „Agenten“ nennen, während beide Seiten behaupten, die wahre CHP zu vertreten.
Die einen sehen in Kılıçdaroğlu plötzlich den letzten Verteidiger der Partei und der Republik. Die anderen halten ihn für den Wegbereiter eines neoosmanischen Projekts, angestoßen von einem Satz von Thomas J. Barrack Jr., US-Sondergesandter für den Nahen Osten. Die einen sprechen von einer internationalen Operation gegen die CHP. Die anderen von einer innerparteilichen Gegenrevolution. Die einen verteidigen NATO und westliche Bündnisse im Namen des Nationalinteresses. Die anderen bekämpfen genau dieselben Strukturen ebenfalls im Namen des Nationalinteresses.
Und irgendwo zwischen all diesen gegenseitigen Anschuldigungen steht der durchschnittliche CHP-Wähler und fragt sich vermutlich, wann genau findet diese Partei endlich zu sich und vertritt die Interessen des Landes und Volkes.
Vielleicht liegt darin die größte Ironie dieser Krise: Nicht Kılıçdaroğlu spricht heute plötzlich wie Erdoğan. Vielmehr sprechen zahlreiche seiner Kritiker inzwischen wie jene Menschen, über die sie sich jahrelang lustig gemacht haben.
Und genau das macht die gegenwärtige CHP-Krise so faszinierend. Sie ist längst kein Machtkampf zwischen Kemal Kılıçdaroğlu und Özgür Özel mehr. Sie ist ein Spiegel, in dem ein Teil der CHP gerade zum ersten Mal sein eigenes Widerspiegelbild erkennt.