„Kandırıldık!“ – Wie Özgür Özel seine Misere erklärt

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Was ist eigentlich Logik? Nehmen wir das jüngste Beispiel aus der CHP. Seit der Entscheidung des türkischen Berufungsgerichts (BAM - Bölge Adliye Mahkemesi), die Wahl von Özgür Özel zum Parteivorsitzenden der CHP für ungültig zu erklären, wird von Seiten der Özel-Anhänger behauptet, die türkischen Währungsreserven seien binnen eines Tages um 8,4 Milliarden Dollar geschrumpft. Die Schlussfolgerung ist entsprechend schnell gezogen: Das Gerichtsurteil habe die Türkei 8,4 Milliarden US-Dollar gekostet, so Özgür Özel nur wenige Stunden nach bekanntwerden des Währungsabsturzes.

Und weil man Ursachen und Verantwortlichkeiten für das eigene Klientel möglichst einfach halten möchte, steht der Schuldige ebenfalls fest: Recep Tayyip Erdoğan.

Folgt man dieser Argumentation, kommt man schnell ins Trudeln. Erdoğan soll trotz einer angespannten Wirtschaftslage und ohnehin knapper Devisenreserven bewusst in Kauf genommen haben, dass Milliarden in den Sand gesetzt werden – einzig und allein, um einen politischen Rivalen auszuschalten und ohne Makel die nächste Wahl zu gewinnen?

Das ist die vielbesagte Logik von Özgür Özel!

„Wir wurden betrogen!“ - Wie Özgür Özel die Misere mit Kemal Kılıçdaroğlu erklärt

Noch bemerkenswerter ist allerdings eine andere Logik.

Dreizehn Jahre lang galt Kemal Kılıçdaroğlu für weite Teile der CHP als unantastbar, als heiliger weißer Mann, als Verfechter einer Lehre - die des türkischen Staatsgründers Atatürk. Wer auch nur Kritik an ihm übte, wurde von seinem A-Team in Grund und Boden gestampft, von seinen Anhängern verbal angegangen. Seine engsten Weggefährten verteidigten ihn gegen jede Widerrede, jeden Gegenkandidaten und standen stets demonstrativ an seiner Seite und präsentierten ihn als moralische und politische Instanz der CHP.

Heute soll derselbe Mann plötzlich ein Verräter sein? Ein Helfer der Regierung? Ein "Verräter", der im Interesse Erdoğans handelt?

Die Erklärung dafür lautet: „Kandırıldık!“ – Wir wurden betrogen.

Das wirft zwangsläufig weitere Fragen auf:

Wenn diejenigen, die Kemal Kılıçdaroğlu über Jahre hinweg am besten kannten, seine engsten Vertrauten waren und seine politische Linie über 13 Jahre mitgetragen haben, wie konnte ihnen erst jetzt auffallen, dass er angeblich die ganze Zeit auf der falschen Seite stand und sie stets in ihrer Mission verraten hatte?

Und noch eine Erinnerung drängt sich auf:

Jahrelang hielt man der AKP vor, dass sie als Argument für die Misere mit der Gülen-Sekte mit „Wir wurden getäuscht“ kommentierten. Das galt für Özgür Özel wie auch innerhalb der CHP als Beleg des politischen Versagens.

Heute lautet die eigene Verteidigung exakt gleich: „Wir wurden getäuscht“

Nur der Name des angeblichen Täuschers hat sich geändert - diesmal ist es Kemal Kılıçdaroğlu und sein Parteikabinett.

Die eigentliche Überraschung

Die vielleicht bemerkenswerteste Folge dieser heftigen bisweilen verbalen Auseinandersetzung ist jedoch eine andere. In Teilen der oppositionellen Wählerschaft scheint Özgür Özel die Wut auf Kemal Kılıçdaroğlu gelenkt zu haben. Dieser scheint inzwischen größer zu sein als die Ablehnung Erdoğans.

Für einen abgesetzten Oppositionschef, der über zwei Jahre das Gesicht der Opposition war und sich an Erdoğan geradezu abgearbeitet hat, ist das vermutlich die bitterste Bilanz von allen.