Epstein-Files und der gescheiterte Putschversuch

Zu lesen in den Sprachen: GERMAN

 

Es gibt in den Epstein-Files einen interessanten E-Mail-Verlauf, der im Netz in einer Kopie des Gmail-Kontos von Jeffry Epstein ebenfalls einzusehen ist und dessen Verlauf für mein Dafürhalten eine andere Dimension aufzeigt. Dieser Artikel behandelt die Verquickung Epsteins in das Geflecht der Gülen-Sekte, die Deutungshoheit und die Machenschaften innerhalb und außerhalb der USA bis in höchste politische wie mediale Kreise.

Es wird etwas langatmig, aber interessant: Im August 2016, also nur wenige Wochen nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, leitete der einflussreiche Washingtoner Staranwalt Reid Weingarten – Eric Holders engster Verbündeter und eine feste Größe in Fällen mit Verbindungen zum US-Justizministerium und der CIA – im Geheimen die US-amerikanische Rechts- und PR-Strategie zur Verteidigung von Fethullah Gülen. Holder selbst war ehemals US-Justizminister unter US-Präsident Barack Obama. Unerklärlicherweise leitete Weingarten diese vertraulichen internen Informationen auch an Jeffrey Epstein weiter und weihte ihn damit in einen der heikelsten geopolitischen Konflikte Washingtons.

Strukturen des Gülen-Netzwerks und Prinz Andrew

Im selben Netzwerk zahlte der ehemalige Goldman-Banker Selman Türk – der in Großbritannien wegen Betrugs an einer türkischen Frau mit Verbindungen zur Gülen-Bewegung angeklagt wurde – später mehr als eine Million US-Dollar an Prinz Andrew, lebte mietfrei in einer Wohnung des Kronbesitzes und erwarb ein Grundstück neben Gülens Anwesen in Pennsylvania. Der Zusammenhang besteht darin, dass Nebahat Evyap İşbilen, die Ehefrau des ehemaligen AKP-Abgeordneten İlhan İşbilen, der in der Türkei im Gülen-Mammutprozess ebenfalls inhaftiert wurde, wenige Monate nach dem gescheiterten Putschversuch versuchte, von einer Hausbank eine Millionensumme abzuheben und außer Landes zu schaffen. Die türkische Finanzaufsichtsbehörde schritt aufgrund der Bankmeldung und aufgrund des Geldwäschegesetzes ein und ließ das Bankkonto einfrieren. Jetzt sprang Selman Türk in die Presche, der Neffe von Cemal Türk, einem hochkarätigen Gülen-Mitglied und Verwandter von Adil Öksüz sowie Führungsperson des Gülen-Netzwerks für Großbritannien. Der Fall zeigt, dass einzelne innerhalb des Gülen-Zirkels dazu übergingen, Vermögen außer Landes zu schaffen, dabei auch davor nicht zurückschreckten, ihre eigenen Mitglieder betrügerisch auszunehmen. Das war und ist seither ein Grund dafür, dass manche Größen der Gülen-Sekte sich öffentlich missgünstig dazu äußerten oder scharfe Kritik übten, darunter Ebuseleme Gülen, der Neffe von Fethullah Gülen.

Adil Öksüz in Neukölln

Türkische Medien brachten Selman Türk zudem mit dem Gülen-nahen Oligarchen Akin İpek und den mit dem Putschversuch in Verbindung stehenden Flüchtigen hochkarätigen Gülen-Mitglied Adil Öksüz in Verbindung. Letzterer wurde ja von der Bundesregierung in Berlin als "politischer Verfolgter" aufgenommen und in Berlin untergebracht - dumm nur, dass der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi (AA) es trotzdem gelang, Öksüz Aufenthaltsort ausfindig zu machen und bis nach Berlin-Neukölln zurückzuverfolgen. Es versteht sich von selbst, dass solche brisanten Informationen von der AA selbst nicht recherchiert worden sein können, sondern von türkischen Sicherheitskreisen zugesteckt wurden, weshalb man ihn bis in sein vom LKA gesicherten Wohnsitz in Berlin verfolgen konnte. Öksüz konnte aber kurz vor Eintreffen eines Medienteams der AA vom LKA Berlin in Sicherheit gebracht werden, worüber aber nur eine einzige Berliner Tageszeitung ausführlich berichtete und die Verquickung bis in höchste Berliner Kreise offenbarte, jedoch wieder im Nirwana des Netzes verschwand. Hatte man etwa die deutschen Medien zum Stillschweigen verdonnert? Wie weit reichen die Verflechtungen noch?

Republikaner vs. Demokraten

Diese und weitere Konfliktstränge überlagern jedoch ein anderes Minenfeld, in deren Folge ein erbitterter interner Streit innerhalb der US-Geheimdienste zu Tage gefördert wird: War Gülen ein langjähriger, schützenswerter CIA-Agent, der in den USA weiterhin Schutz erhalten oder als eine Belastung für Erdoğan ausgeliefert werden sollte? Die Fraktion um die Machtachse in den USA unter der Partei Michael T. Flynn, James Woolsey und Rudy Giuliani, die darauf drängte, eine Auslieferung zu erwägen, während die traditionelle Partei um Weingarten, das US-Außenministerium und die CIA dagegen Widerstand leisteten. Epstein befand sich mittendrin – verbunden mit Prinz Andrew, in Weingartens Strategie-E-Mails, sprach wie ein Insider über die Jamal Khashoggi-Tonbänder (mit dem Tonband überführte die Türkei Saudi-Arabien des Mordes an Khashoggi) und operierte in israelischen, Golf- und US-amerikanischen Geheimdienstnetzwerken. Dies deutet darauf hin, dass er weniger als unkontrollierter Finanzier agierte, vielmehr als Knotenpunkt in einem größeren, den meisten verborgenen geheimdienstlich-politischen Netzwerken involviert war.

Epstein-Files und Gmail-E-Mails

Im Detail: Es gab einen E-Mail-Verlauf von Reid Weingarten vom  5. August 2016, an dem eine große Gruppe von Anwälten, PR-Spezialisten und Vertretern der Gülen-Sekte beteiligt waren, die im Auftrag von Fethullah Gülen, dem in Pennsylvania lebenden türkischen Geistlichen, involviert waren. Der türkische Staatspräsident Erdoğan behauptete ja stets, Fethullah Gülen habe den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei orchestriert. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil Reid Weingarten hierzu innerstaatliche hochsensible und vertrauliche E-Mail-Korrespondenzen an Jeffrey Epstein weiterleitete.  

Das war im Grunde eine juristische Krisenmanagementmaßnahme mit PR-Begleitung, um nach dem Putschversuch entsprechende Gegenmaßnahmen aus Washington heraus zu orchestrieren. Es ist außerdem wichtig zu wissen, wer Reid Weingarten ist. Er gilt als einer der einflussreichsten und bestvernetzten Anwälte und gehört zum inneren Kreis derjenigen, die die politisch brisantesten Fälle des Landes bearbeiten. Er ist ein langjähriger enger Freund von Eric Holder und tritt häufig in Fällen auf, die Ermittlungen des US-Justizministeriums, der US-Börsenaufsicht SEC, des FBI, der CIA und des US-Kongresses betreffen.

Das Ringen um Fethullah Gülen

Der Kontext ist folgender: Reid Weingarten, der auch Epsteins Rechtsberater war, leitete unmittelbar nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016, als Präsident Erdoğan Gülens Auslieferung forderte, eine hochkarätige juristische- und PR-Krisenmanagement-Operation für Fethullah Gülen. Sein Team koordinierte die Reaktion der US-Medien, prüfte jede öffentliche Stellungnahme, steuerte die Veröffentlichung von Audioaufnahmen, überwachte die weltweite Berichterstattung und entwickelte Botschaften, um den türkischen Anschuldigungen, Gülen habe den Putsch inszeniert, entgegenzuwirken. In einer der betreffenden E-Mails ging es u.a. um die optimale Veröffentlichung der von Fethullah Gülen aufgezeichneten Fragerunde zum Putsch. Sie arbeiteten eng mit Gülen-nahen US-Organisationen, PR-Strategen, ehemaligen Mitarbeitern des US-Justizministeriums und Kommunikationsspezialisten zusammen, um Gülens Rechtsposition zu sichern, die öffentliche Meinung in den USA zu beeinflussen und politischen Druck, der eine Auslieferung erzwingen könnte, abzuwehren. Die gesamte Operation fungierte als umfassende Verteidigungs- und Narrativzentrale, die juristische Strategie, Medienkontrolle und politischen Einfluss in Washington miteinander verband. Es handelte sich im Wesentlichen um eine Schattenoperation des US-Außenministeriums. Im übrigem war diese Strategie auch in den europäischen Medien sowie Nachrichtendiensten zu beobachten, vor allem im brisanten Fall Adil Öksüz.

Die Tatsache, dass Weingarten diese heiklen und brisanten Informationen an Epstein weiterleitete, ist bemerkenswert, da sie darauf hindeute, dass er inoffiziell ebenfalls in dieser heiklen Angelegenheit involviert war. Das ist aus mehreren Gründen bedeutsam.

Konkrete Vorwürfe zu Prinz Andrew und Selman Türk

Der Kontext hierzu: Drei Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch überwies der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Selman Türk hohe Summen auf Prinz Andrews Privatkonto. Türk war vor einem britischen Gericht angeklagt worden, weil die 76-jährige Nebahat Evyap İşbilen aus der Türkei Klage anstrengte, die 30 bis 40 Millionen Pfund zurück zu bekommen, die offensichtlich betrügerisch von Selman Türk veruntreut wurden - eben von jener Frau, die ja schon einmal versucht hatte, größere Geldbeträge aus der Türkei zu schaffen. Türk beteuerte jedoch, sie habe gewusst, wofür das Geld verwendet werden sollte. Selman Türk überwies daraufhin einen Teil des Geldes an Prinz Andrew. Laut dem britischen Telegraph lebte Türk in einer Wohnung des Crown Estate in St. James’s, nur wenige Gehminuten vom Buckingham Palace entfernt, ohne dass Mietzahlungen nachweisbar waren. Kurz nachdem Türk 2019 den Palace-Preis von Prinzen Andrew entgegen genommen hatte, überwies er Andrew rund eine Million Dollar. Die britische Presse zeigte erstaunlicherweise wenig Interesse daran, wofür genau Prinz Andrew das Geld erhalten haben soll.

Die Black-Box der Gülen-Sekte Adil Öksüz

Türks Einfluss wird noch merkwürdiger, wenn man das Ganze aus einer anderen Perspektive betrachtet. Im Juli 2019 erwarb er ein Anwesen in Nazareth, Pennsylvania – quasi einen Katzensprung von Saylorsburg entfernt, wo Fethullah Gülen bis zu seinem Ableben unter US-Schutz lebte. Das allein beweist zwar noch nichts, passt aber merkwürdigerweise zu türkischen Berichten, die Türk als engen Vertrauten des Gülen-nahen Oligarchen Akin İpek (einem mutmaßlichen Hauptfinanzier der Sekte) und sogar als Verwandten von Adil Öksüz darstellen, den Ankara als einen der Hauptverantwortlichen des Putschversuchs von 2016 und Black-Box bezeichnet. Zwei Monate vor dem gescheiterten Putsch gründete Selman Türk die „İpek Education Property Development Ltd.“, die offenbar mit der İpek-Universität in Verbindung steht. Wir haben es also mit einem Gülen-nahen Geschäftsmann zu tun, der in London wegen Betrugs angeklagt ist und große, ungeklärte Summen an ein in Ungnade gefallenes Mitglied des britischen Königshauses überweist, das bereits eng mit Jeffrey Epstein verstrickt zu sein scheint.

BND-Präsident Bruno Kahl: keine Belege für diese Anschuldigung

Auf der anderen Seite die Gülen-Achse, in der sich die US-amerikanische Justiz- und Geheimdienstwelt wiederfindet. Fethullah Gülen, der im Exil lebende Prediger, dessen Sekte weltweit Hunderte von Schulen betreibt und von der Erdoğan-Regierung als FETÖ eingestuft wird, lebte in Pennsylvania unter dem Schutz des US-amerikanischen Systems. Es wird seither berichtet, dass die Gülen-Sekte enge Verbindungen zur CIA unterhielt und weiterhin unterhält - um u.a. in China Querelen zu betreiben. Mehmet Eymür, der ehemalige Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des türkisches Nachrichtendienstes MIT, behauptete, dass die Schlüsselfigur des Putschversuchs vom 15. Juli, der flüchtige Adil Öksüz ist, der Verbindungen nicht nur zur CIA, sondern auch zum deutschen Nachrichtendienst BND hatte. Ausgerechnet der Chef dieser deutschen Institution sah aber in der Gülen-Sekte sprichwörtlich einen Kleingärtnerverein.

Classified Woman: The Sibel Edmonds Story

Der ehemalige CIA-Offizier Graham Fuller verfasste einen vielbeachteten Brief, in dem er Gülens Aufenthaltsgenehmigung in den USA unterstützte und argumentierte, dass von ihm keine Sicherheitsbedrohung für die USA ausgehe. Sibel Edmonds, die türkisch-US-amerikanische FBI-Übersetzerin und Whistleblowerin, behauptet seit längerem, dass Elemente der von der CIA finanzierten Operationen, über das Gülen-Netzwerk nach Zentralasien, Russland und China verlaufen und dass dieses Netzwerk Teil eines umfassenderen kriminellen-, geheimdienstlichen Netzwerks ist, das sie in ihrem Buch „Classified Woman“ beschreibt. In ihren geheimen Übersetzungen entdeckte Edmonds, dass ein kriminelles Netzwerk bis in die höchsten Ebenen der US-Regierung, einschließlich des US-Pentagons und des FBI, vorgedrungen war und illegal mit Waffen, Drogen und anderen Gütern versorgte. Ungeachtet der persönlichen Meinung zu Edmonds, verleihen die extremen Maßnahmen der US-Regierung, sie zum Schweigen zu bringen, diesen Anschuldigungen auf der anderen Seite ein beträchtliches Gewicht.

Und immer wieder Weingartner

Nach dem Putschversuch von 2016 geriet Fethullah Gülen aufgrund der aus der Türkei geübten heftigen Kritik, in den USA ins Zentrum der politischen Debatte. Erdoğan forderte seine Auslieferung, weshalb der damalige US-Präsident Donald Trump in einen Konflikt mit seinen eigenen US-Geheimdiensten geriet. Der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, der kurzzeitig Trumps republikanischen Wahlkampfteam beriet, soll türkischen Geschäftsleuten sogar eine 10-Millionen-US-Dollar-Operation angeboten haben, um Gülen zu diskreditieren. Rudy Giuliani soll Trump gedrängt haben, Gülens Auslieferung in Erwägung zu ziehen. Gleichzeitig wurde Gülen in Washington von Reid Weingarten verteidigt, einem der einflussreichsten Anwälte der Demokraten, der sich Gülens Fall annahm und das türkische Auslieferungsbemühen als politische Verfolgung darstellte. Wie aus den jüngsten Veröffentlichungen des US-Repräsentantenhauses hervorgeht, leitete Weingarten parallel dazu sensible Gülen-bezogene Kommunikation an Jeffrey Epstein weiter und behandelte ihn als jemanden, der Einblick in diesen geopolitischen Rechtsstreit benötigte. Die naheliegende Frage ist: Warum? All dies untermauert die wachsende Indizienlage, dass Epstein nicht nur aus reiner Neugier um diese Informationen bat, sondern tatsächlich für einen Teil der Geheimdienste arbeitete.

Trump ist eine Belastung

Ergänzend sei erwähnt, dass im Weingarten-E-Mail-Verlauf auch der Name Remzi Güvenç Kulen fällt. Dabei handelt es sich um einen in den USA ansässigen Gülen-Geschäftsmann, der eng mit demselben Kreis verbunden ist, den Akin İpek finanziert hat und mit dem Selman Türk über Strukturen der Ipek-Universität (über „Ipek Education Property Development Ltd“) verbunden ist.

Im November 2018 schickte Epstein Weingarten einen Artikel der Huffington Post, in dem es um die Trump-Regierung und ihre Bemühungen ging, den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen aus dem Land zu schaffen. Epstein schrieb an Weingarten hierzu: „Ja, erstens fragt niemand, wie die Türken an diese Aufnahme gekommen sind? Zweitens – Steve [Bannon] sagt, die Republikaner wollen Trump auch loswerden. Er ist jetzt eine Belastung.“

„Apple Watch“-Kontroverse

Mit der „Aufnahme“, auf die sich Epstein bezieht, meinte er die Weiterleitung von Tonaufnahmen des Mordes an Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul durch den türkischen In- und Auslandsnachrichtendienstes MIT, der zunächst lange Zeit nur der US-Administration selbst bekannt war, weil die Türkei dies bewusst zunächst unter Ausschluss der Öffentlichkeit halten wollte. Diese Veröffentlichungen destabilisierten die Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien und brachten die CIA und die Trump-Regierung in Verlegenheit. Epsteins Aussage „fragt niemand, wie die Türken an diese Aufnahme gekommen sind?“ deutet darauf hin, dass er vorab jeglicher öffentlicher Medienberichte darüber im voraus wusste, wie schockiert die Geheimdienste über die Fähigkeit des türkischen MIT waren, saudische Gespräche aus dem inneren der Botschaft in Istanbul abzufangen oder darauf zuzugreifen. Das geht alles geht aus dem E-Mail-Verkehr hervor, lange bevor die Welt erfuhr, wie die Türken an diese Information gelangten, und O-Ton: „Hat er Ihnen eine Apple Watch geschenkt, damit Sie Ihre zukünftigen Gespräche aufzeichnen können?“! Das ist das eine; die andere:

Die Konstellation um Selman Türk, Prinz Andrew, Jeffry Epstein, Reid Weingarten und das Gülen-Netzwerk deutet direkt auf einen bedeutenden internen Machtkampf innerhalb der US-Geheimdienste Mitte der 2010er-Jahre hin. Die Gülen-Frage offenbarte einen eklatanten Konfliktpunkt: Eine Fraktion der CIA und des US-Außenministeriums betrachtete Fethullah Gülen und die Koza-İpek-Diaspora als langjährige US-Agenten und politische Instabilität in der Türkei, während die Flynn-Woolsey-Fraktion aus der Trump-Ära Ankaras Forderung unterstützte, Gülen zu diskreditieren oder gar gewaltsam aus den USA zu entfernen, um den Image-Schaden klein zu halten. Diese beiden Lager bekämpften sich im gesamten Übergangsteam von Trump, im FBI, im US-Justizministerium und in außenpolitischen Institutionen, während Reid Weingarten die US-amerikanische Rechtsverteidigung des Gülen-Netzwerks leitete. Epstein hatte auf unbekannte Weise Zugang zu diesem Krisenstab, was höchst ungewöhnlich ist und darauf hindeutet, dass er sich an der Schnittstelle von Machtnetzwerken der US-Administration befand, die den meisten Menschen weiterhin verborgen bleiben.

Zusammenfassung

Zusammengefasst: Selman Türks Finanzwelt – eng verknüpft mit Akin İpek und der Gülen-Bewegung – führt, überraschenderweise, zu Prinz Andrew. Die Million Dollar, die Türk Andrew im November 2019 zukommen ließ, trafen genau zu dem Zeitpunkt ein, als der Druck auf Fethullah Gülen und die Türkei im Auslieferungsverfahren seinen Höhepunkt erreichte und US-Geheimdienstfraktionen in dieser Frage offen aneinandergerieten. Andrew selbst war eng mit der britischen, nachrichtendienstnahen Diplomatie, oligarchischen Netzwerken und Epstein verbunden. Die Tatsache, dass Epstein gleichzeitig mit Personen aus dem US-Geheimdienstumfeld, israelischen Agenten, Akteuren aus der Golfregion und Gülens Anwaltsteam kommunizierte, belegt, dass er eine parteiübergreifende Schlüsselfigur mit Einblick in beide Seiten dieses Konflikts war. Keine einzelne E-Mail selbst beweist eine verdeckte Operation – doch die sich überschneidenden Netzwerke, der Zeitpunkt und die geopolitischen Implikationen legen nahe, dass die Geldflüsse zwischen Türk und Andrew sowie Epsteins Position im breiteren Kontext eines Machtkampfes innerhalb der US-Geheimdienste und nicht als isolierte Ereignisse betrachtet werden müssen.

Dies wirft auch die Frage auf, welche Rolle Prinz Andrew in diesen Machenschaften tatsächlich spielte, und könnte das Verhältnis zu Epstein in ein neues Licht rücken. Die Zahlungen von Selman Türk an Prinz Andrew erfolgten nämlich drei Monate nach Epsteins Tod.

Wir haben einen ehemaligen Goldman-Banker mit mutmaßlichen Verbindungen zu Gülen und dem Putschversuch, der Geld an Prinz Andrew transferiert; wir haben Gülen, der von Teilen des US-amerikanischen Justiz- und Geheimdienstapparats sowie von der deutschen Bundesregierung geschützt und von anderen ins Visier genommen wird; und wir haben Epstein, der sich mitten in diesem Netzwerk befindet, eng mit Andrew verbunden und von Weingarten in Gülens hochrangige Rechtsstrategie eingebunden, während Figuren wie der ehemalige CIA-Chef Woolsey auf der anderen Seite derselben Konfliktlinie agieren. In diesem Kontext stellt sich nicht nur die Frage, warum Prinz Andrew von Selman Türk bezahlt wurde – sondern auch, warum ein Sexualstraftäter wie Epstein, der als „Finanzier“ fungiert, überhaupt immer wieder am Rande dieser mit Gülen und den Geheimdiensten verbundenen Netzwerken auftaucht. Es ist unschwer zu erkennen, welch mächtige Position Epstein eigentlich innehatte, da er über so viele Informationen verfügte.

Sex and the Island

Seit Jahren hören wir dieselbe Epstein-Geschichte: Sexualverbrechen, Missbrauch, Skandale, Verkommenheit. All das scheint wahr zu sein. Aber es ist vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Nach der Durchsicht kürzlich veröffentlichter Dokumente des Unterschungsausschusses des US-Repräsentantenhauses und Epstein-bezogener E-Mail-Korrespondenzen fällt etwas auf, das meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung findet. In diesen E-Mails taucht Epstein nicht in Schlafzimmern oder auf Privatinseln auf. Er taucht im Umfeld von Anwaltskanzleien, PR-Strategien, Journalisten, Reuters-Kontakten und diversen Krisenmanagements auf. Wir sehen: Hochrangige Anwälte in Washington koordinieren die Medienberichterstattung – Kontrollierte Verbreitung von Audio-/Video-Statements – Gezielte Entscheidungen darüber, wie und wann Journalisten Zugang zu Material erhalten – Epstein wird in hochsensible politische und juristische Gespräche eingebunden. Das ist kein Boulevardmaterial! Das ist Krisenkommunikation auf staatlicher Ebene!

Was die Sache noch brisanter macht, ist, dass einige dieser Kommunikationen in direktem Zusammenhang mit der Türkei und den Folgen des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 stehen. Die E-Mails belegen, dass US-amerikanische Rechts- und PR-Teams die Medienstrategie für Fethullah Gülen koordinierten, den Geistlichen, der von der türkischen Regierung beschuldigt wurde, den Putschversuch orchestriert zu haben und dessen Auslieferung Ankara damals vehement forderte, schützten. Es geht um die Berichterstattung von Reuters, sorgfältig geplante Audio- und Videoveröffentlichungen und eine umfassende Narrativverteidigungskampagne in Washington, die nur wenige Wochen nach dem Putschversuch stattfand.

Jeffry Epstein mittendrin

Und irgendwie und aus unerfindlichen Gründen taucht Jeffrey Epstein stets im selben Kommunikationsnetzwerk auf. Ich behaupte noch nicht, dass Epstein ein Geheimagent war. Ich behaupte auch nicht, dass es eine große Verschwörung war. Meine Frage ist einfacher: Warum taucht ein verurteilter Sexualstraftäter immer wieder am Rande wichtiger politischer, juristischer und medialer Machtnetzwerke auf, einschließlich einer hochbrisanten geopolitischen Krise zwischen den USA und der Türkei? Warum ist er in E-Mails von Top-Anwaltskanzleien, hochkarätigen einstigen US-Führungspersönlichkeiten und internationalen Krisenherden in Kopie gesetzt?

Und warum endet die öffentliche Diskussion fast ausschließlich an der Schlafzimmertür? Vielleicht war Epstein nicht nur ein moralischer Skandal. Vielleicht war er auch ein Knotenpunkt, den jemand dort positioniert hatte, wo sich Information, Einfluss und Macht überschnitten. Wenn das auch nur teilweise stimmt, dann hat uns die alleinige Fokussierung auf die – zugegebenermaßen entsetzlichen – Verbrechen in Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen womöglich davon abgehalten, weitaus unangenehmere Fragen zu stellen.